„Verbrechen” ist das erste Buch von Ferdinand von Schirach aus dem Jahr 2009. Ich habe seine Bücher schon länger auf meiner TBR. Als ich überlegte, was ich als Nächstes lesen könnte, wurde mir klar: Es muss wieder eine dieser distanzierten, messerscharfen Geschichten von von Schirach sein. In diesem Band sind es gleich elf, und sie waren fast ausnahmslos hervorragend.
„Ein angesehener, freundlicher Herr, Doktor der Medizin, erschlägt nach vierzig Ehejahren seine Frau mit einer Axt. Er zerlegt sie, bevor er schließlich die Polizei informiert. Sein Geständnis ist ebenso außergewöhnlich wie seine Strafe … Ein Mann raubt eine Bank aus, und so unglaublich das klingt: Er hat gute Gründe. Gegen jede Wahrscheinlichkeit wird er von der Justiz an Leib und Seele gerettet… Eine junge Frau tötet ihren Bruder. Aus Liebe.“
Klappentext
Ich liebe seinen fast emotionslosen Schreibstil. Nicht negativ gemeint, sondern einfach sehr unaufgeregt und distanziert. Seine Worte sind präzise gewählt, kaum ein anderes würde passen. Gerade als angehender Autor und als jemand, der Sprache liebt, ist das jedes Mal ein Fest.
Was die Geschichten zusätzlich aufwertet: Ich habe nachgelesen, dass sie auf wahren Begebenheiten und realen Fällen aus von Schirachs Tätigkeit als Strafverteidiger beruhen. Ich bin eigentlich kein grosser True-Crime-Fan, doch dieser Umstand macht die Erzählungen noch einmal interessanter und vor allem unvorstellbarer. Manches wirkt beim Lesen so abgründig, dass man es kaum für möglich hält, und genau dieses Wissen verleiht den Texten eine zusätzliche Tiefe.
Nicht alle Geschichten haben mich gleichermassen überzeugt. Die längste, „Summertime”, fand ich trotz des starken Schreibstils etwas flach. Auch „Der Igel” gehörte trotz seiner Spannung, der überraschenden Wendung und der klugen Konstruktion nicht zu meinen Favoriten. Wirklich begeistert haben mich dagegen „Fähner” und „Der Dorn”, und vor allem „Grün” und „Der Äthiopier” haben mich berührt. „Der Äthiopier” hätte ich mir sogar in einer längeren Form gut vorstellen können.
Alles in allem ein wirklich grossartiges Buch, eines der besten von von Schirach und ein Highlight in meinem bisherigen Lesejahr. Daher fünf Sterne und eine klare Empfehlung an alle, die die deutsche Sprache mögen.
Ein wichtiger Hinweis noch: Ich habe das Hörbuch gehört, und obwohl es bei Audible als ungekürzt angegeben ist, fehlen drei Geschichten. Das finde ich nicht nur eine Frechheit gegenüber dem Hörer, sondern auch schade für das Buch selbst. Wer zum Hörbuch greift, sollte also unbedingt darauf achten, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.
Rating: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
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