Was wir im Feuer verloren

Mariana Enriquez gilt als eine der grossen Stimmen des lateinamerikanischen Horrors. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Leider konnte der Erzählband diese Erwartungen kaum erfüllen. Viele Geschichten wirkten auf mich unfertig, abrupt beendet oder bewusst nebulös, ohne dass daraus echte Tiefe entstanden wäre. Statt nachhaltigem Unbehagen blieb oft nur Ratlosigkeit zurück.

„Argentinien ist ein Land, das heute den viel beschworenen Untergang der Mittelschicht erlebt. Gewalt zieht in den Alltag ein. Traditionen verlieren ihre Gültigkeit und die Gegenwart wird zur Zumutung. Mariana Enríquez schreibt über den Zerfall der Familien, erzählt von Freunden, die sich im Alltag bekriegen, von Häusern, in denen es spukt und in denen Menschen verschwinden. Sie erzählt von Mädchen, die sich selbst verbrennen, von einem Mann, der sich in den dunklen Seiten des Internets verirrt hat und für die Welt verloren ist. Enríquez’ Stimme ist ruhig, gelassen ― als sei dies alles ganz normal. Und so erzeugt die Autorin eine enorme Wirkung, entwirft das Zerrbild einer Gesellschaft kurz vor dem Kollaps, einer Demokratie am Abgrund.“

Klappentext

Sprachlich ist das Buch durchaus solide, stellenweise sogar atmosphärisch dicht. Doch Atmosphäre allein reicht nicht. Mir fehlten klare Entwicklungen, emotionale Bindung zu den Figuren und vor allem befriedigende Schlussmomente. Hier mein Eindruck zu den einzelnen Geschichten:

Der schmutzige Junge / ⭐️⭐️⭐️

Solide geschrieben und atmosphärisch aufgebaut. Gerade als die Geschichte wirklich spannend zu werden beginnt, bricht sie jedoch abrupt ab. Keine Auflösung, kein Nachhall. Das war frustrierend.

Die Pension / ⭐️⭐️

Ich war ehrlich gesagt ratlos. Das wirkte weniger wie eine ausgearbeitete Geschichte, sondern eher wie ein ausgedehntes Drabble mit angedeuteten Horror-Elementen. Es fehlte an Substanz und erzählerischer Entwicklung.

Die Jahre im Rausch / ⭐️⭐️

Beginnt als klassische Coming-of-Age-Geschichte und driftet zunehmend in einen Drogenrausch ab. Weder besonders intensiv noch literarisch herausragend. Für mich blieb das alles seltsam belanglos.

Adelas Haus / ⭐️⭐️⭐️

Eine der runderen Geschichten des Bandes. Nicht übermässig originell, aber strukturell stimmig mit erkennbarem Anfang, Entwicklung und Schluss. Besonders interessant ist der Aspekt, wie Urban Legends entstehen und weitergetragen werden.

Pablito schlug ein Näglein ein: Zum Gedenken an den Petiso Orejudo / ⭐️⭐️

Wirkte wie eine Mischung aus Alltagsbeobachtung und angedeutetem Horror, ohne dass eines von beidem wirklich greift. Dazu kommt ein Protagonist, der sich über seine Frau beklagt, weil sie sich Sorgen um ihr Baby macht, was ihn nicht sympathischer macht. Das Ende bleibt nichtssagend und unausgereift.

Spinnweben / ⭐️⭐️⭐️

Ein unsympathischer, grober Ehemann, eine passive Ehefrau und eine Cousine auf einem Roadtrip. Nichts davon ist neu, aber es ist zumindest interessant umgesetzt. Teilweise war die Lektüre anstrengend, vor allem wegen der Figuren. Das Ende ist in Ordnung, jedoch nicht besonders stark ausgearbeitet.

Vor den Ferien / ⭐️⭐️⭐️⭐️

Eine der besten Geschichten des Buches. Unheimlich, subtil und zugleich direkt. Das Ende kommt zwar etwas plötzlich, funktioniert aber deutlich besser als in vielen anderen Texten. Hier hätte ich mir sogar noch mehr Umfang gewünscht.

Kein Gramm Fleisch auf unseren Knochen / ⭐️⭐️⭐️⭐️

Ebenfalls sehr gelungen. Radikal, verstörend und konsequent in seiner Eskalation. Das offene Ende passt hier, weil es die innere Logik der Geschichte unterstreicht und Raum für eigene Gedanken lässt.

Der Hof nebenan / ⭐️⭐️⭐️

Eine interessante Geistergeschichte mit guter Grundidee. Allerdings zieht sich besonders der Anfang zu sehr in die Länge. Straffer erzählt wäre sie deutlich wirkungsvoller gewesen. Das Ende ist solide.

Tief unten im schwarzen Wasser / ⭐️⭐️

Der Beginn gefiel mir noch gut, doch mit dem Ortswechsel und der Begegnung mit dem Priester verlor die Geschichte für mich an Spannung. Es fühlte sich wie ein diffuser Fiebertraum an, mit dem ich wenig anfangen konnte. Auch das Ende blieb blass.

Grün Rot Orange / ⭐️⭐️⭐️

Erneut eine sehr seltsame Geschichte. Grundsätzlich mag ich eigenwillige, schräge Texte, aber hier ging es für mich nicht auf. Das Ende scheint etwas Bestimmtes andeuten zu wollen, bleibt jedoch zu unklar, um wirklich zu überzeugen.

Was wir im Feuer verloren / ⭐️⭐️

Leider konnte auch die titelgebende Geschichte das Ruder nicht herumreissen. Die Thematik ist grausam und schockierend, doch Grausamkeit allein ersetzt keine ausgearbeitete Handlung. Vieles wirkte unfertig und eher auf Effekt als auf inhaltliche Tiefe ausgerichtet. Ein enttäuschender Abschluss.

Insgesamt hinterlässt der Band bei mir den Eindruck vieler starker Ideen, die jedoch selten konsequent zu Ende gedacht werden. Atmosphäre ist vorhanden, gesellschaftliche Themen blitzen auf, doch zu oft fehlen Struktur, Entwicklung und ein befriedigendes Finale. Sehr schade, denn das Potenzial wäre definitiv da gewesen. Ich vergebe 3 von 5 Sternen aufgerundet. Mehrfach hätte ich aber eher 2 von 5 Sterne vergeben wollen…

Gesamt-Rating: ⭐️⭐️⭐️

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