Ich hatte “Was vom Tage übrig blieb” schon seit Jahren auf meinem Stapel ungelesener Bücher, und nun habe ich es endlich gelesen. Ich bin sehr froh, dass ich es getan habe. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich schwankte am Ende zwischen 4 und 5 Sternen. Letztlich habe ich mich für die vollen 5 entschieden, weil dieses Buch so voller Emotionen steckt und auf eine unglaublich schöne, oder besser gesagt bittersüsse, Weise geschrieben ist.
„Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er brüsk zurück. Viele Jahre lang lebt er ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.“
Klappentext
Ursprünglich wollte ich das Buch auf Englisch lesen, doch da ich die deutsche Ausgabe vor einigen Jahren gekauft hatte, bin ich dabei geblieben. Nach der Lektüre dieses Meisterwerks steht allerdings fest: Ich werde es auf jeden Fall noch einmal lesen, dann vielleicht im Original, um die feinen Nuancen der Sprache noch direkter zu erleben.
Der Schreibstil ist schlicht und doch auf eine stille, tragische Art wunderschön. Ishiguro gelingt es, mit wenigen Worten eine Tiefe zu erzeugen, die einen innerlich erschüttert. Die eigentliche Geschichte spielt sich nämlich nicht nur auf den Seiten ab, sondern vor allem dazwischen – in dem, was nicht gesagt wird. Es geht um all das, was verdrängt, verschwiegen und zwischen den Zeilen transportiert wird. Und genau darin liegt die eigentliche Wucht dieses Romans.
Man sitzt da und fiebert, leidet, hofft oder ärgert sich mit Stevens – aber auf eine so intensive, leise Art, dass es weh tut. Eine Szene in der Mitte des Buches ist kaum auszuhalten. Die Reaktion von Stevens darauf ist so kontrolliert, so distanziert und so weit entfernt von dem, was man als Leser wohl für “normal” halten würde, dass sie einem regelrecht den Magen umdreht. 😢
Besonders genial fand ich, wie Stevens auf seiner Reise ganz allmählich auf seine eigene Wahrheit zusteuert. Zu Beginn bewegt er sich noch vollkommen in seiner selbstgebauten Bubble, voller Loyalität und mit eiserner Haltung, ohne sich auch nur kleine Schnitzer einzugestehen. Doch nach und nach bröckelt diese Fassade. Am Ende wird ihm sein eigenes Drama erst richtig bewusst – auch wenn er es immer noch mit aller Kraft verdrängt. Denn die volle Wahrheit wäre für ihn schlicht nicht zu ertragen.
“Was vom Tage übrig blieb” ist eines meiner absoluten Lesehighlights dieses Jahres und schon jetzt eines meiner Lieblingsbücher. Kazuo Ishiguro hat seinen Nobelpreis für Literatur mehr als verdient. Selten hat mich ein Buch so tief berührt, ohne dabei laut zu sein.
Rating: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️


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