Dieses Buch war mein erster Kontakt mit Tolstois Werk und es hat mir sehr gefallen. Der Schreibstil ist eindringlich und angenehm zu lesen, und ich konnte mich gut in den Protagonisten hineinversetzen. Die Geschichte ist nicht besonders actionreich und bietet keinen großen Plot, da man im Grunde einem Mann beim Sterben zusieht.
„Leo Tolstois Meisterwerk vom Sterben und der Vergänglichkeit: Der Jurist Iwan Iljitsch ist ein angesehener Mensch, doch hinter der Fassade verbergen sich Gefühlskälte und blanker Opportunismus. Als eine unheilbare Krankheit seine scheinbar gesicherte Existenz bedroht und er dem Tod ins Auge sehen muss, stellt er sein Leben in Frage.“
Klappentext
In einigen Szenen, vor allem am Anfang, hatte ich den Eindruck, Iwan sei ein Hypochonder. Doch irgendwann wird klar, dass es keinen Weg mehr zurück gibt. Ob er in diese Negativspirale geriet, weil er tatsächlich zunächst nur ein Hypochonder war, oder ob von Anfang an eine körperliche Krankheit dahintersteckte, bleibt offen.
Besonders berührt hat mich die Krise, in die Iwan stürzt, als er sich plötzlich fragt, ob sein Leben wirklich „falsch“ war. Vor allem zu Beginn dachte ich oft: „Gib doch nicht so viel auf deinen sozialen Status. Triff lieber Entscheidungen, die für dich stimmen.“ Aber letztlich kann man nie wissen, was das Leben bereithält, und man kann sich nicht sicher sein, ob die eigenen Entscheidungen am Ende gut herauskommen. Iwan hat sein Leben auf Äußerlichkeiten und das Urteil anderer aufgebaut, ohne zu merken, dass ihn das nicht glücklich macht. Er musste sich immer wieder zurückziehen, um sein eigenes Leben überhaupt auszuhalten.
Diese Themen beschäftigen mich sehr, und ich konnte mich darin gut wiederfinden. Am Ende war es die plötzliche, liebevolle Zuneigung seiner Familie, die ihn erlöste und auf die er insgeheim schon so lange gewartet hatte. Vielleicht hätte er früher über seine eigenen Bedürfnisse nachdenken und offen darüber sprechen sollen, statt anderen die Schuld zu geben. Solche Gedanken sind mir nicht fremd, und ich bin froh, heute in einer Zeit zu leben, in der es zumindest teilweise gesündere Ansichten gibt und in der man leichter Hilfe finden kann.
Alles in allem war das Buch eine intensive und lohnende Lektüre. Tolstois Sprache ist flüssig, und die Figur des Iwan ist grossartig gezeichnet. Es wird sicher nicht mein letzter Tolstoi gewesen sein.
Rating: ⭐️⭐️⭐️⭐️


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